Vita

 

ANTJE  FRETWURST-COLBERG

1940           in Hamburg geboren
1958           Abitur in Sanitz bei Rostock
1958 – 62   Studium der Kunsterziehung an der Universität Greifswald mit Diplom
1961           Heirat mit dem Maler Friedrich-Wilhelm Fretwurst, Geburt des Sohnes Jan
1962 – 67   Lehrerin in Greifswald und Berlin
1967 – 71   Studium der Malerei und freien Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee mit Diplom
1971 – 74   Aspirantin an der Kunsthochschule Berlin

Seitdem freiberuflich als Malerin und Grafikerin in Berlin

1974          Geburt der Zwillinge Hinnerk und Benjamin
1983          Berlin-Preis für Malerei
1997          Nach Dändorf in Mecklenburg-Vorpommern umgezogen

1974 – 92  Mitglied des Verbandes Bildender Künstler Berlin
1992 – 2013 Mitglied des Künstlerbundes Mecklenburg/ Vorpommern beim BBK

 

Einzelausstellungen von 1974 bis 2015
Mehrfach in Berlin und Hamburg, in Frankfurt am Main, Dresden, Gotha,  Döbeln, Dachau, Rostock, Schwerin, Ribnitz, Ahrenshoop, Wustrow, Mühlhausen und anderen Orten.

 

Ausstellungsbeteiligungen mit eigener Kollektion 1974 bis 2015
in mehreren Städten Deutschlands, in Moskau, London, Pietrasanta und Lucca (Italien), Nida, Klaipeda (Litauen).

 

Studienreisen mit Bild-Folgen
in die Slowakei, die Sowjetunion, nach Bulgarien, Kuba, Mexiko, Portugal, London,  mehrfach nach Italien und Frankreich, nach Litauen, Holland, Marokko, in die Türkei.

 

Antje Fretwurst-Colberg im Atelier WIE EIN KOSTBARER TEPPICH
Grafik und Hinterglasmalerei von Antje Fretwurst-Colberg

Seit 1997 wohnt Antje Fretwurst-Colberg mit ihrem Mann, dem Maler Friedrich Wilhelm Fretwurst, in Dändorf am Saaler Bodden, nicht weit entfernt vom einst für die Gegend wichtigen Umschlaghafen, der heute nur noch wenigen Hobbyseglern ein ständiger Anlaufpunkt ist. Die Fretwursts sind eine in der Gegend um das Fischland lange ansässige Familie, das Wohnhaus des Künstlerpaares Teil dieses familiären Erbes. Indessen kennen beide auch anderes. Nach ihrem Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee lebten sie drei Jahrzehnte im Osten der geteilten Stadt – aufregende, widersprüchliche, vor allem aber fruchtbare Jahre.

Sie studierten zu einer Zeit, als Arno Mohr und Fritz Dähn in Weißen-see die bestimmenden Lehrer waren: Mohr als Zeichner durch seine Fähigkeit, mit sparsamsten Mitteln eine leere Fläche zu verräumlichen; der Süddeutsche Dähn mit seinen Wurzeln im österreichischen Ex-pressionismus, anfangs als Rektor in zwiespältiger Funktion, in der Lehre aber vorwärts weisend, indem er, wie schon der vom Bauhaus kommende Herbert Wegehaupt in Greifswald, seine Studenten auf die klassische Moderne hinwies, mehr noch, aktuelle Entwicklungen der westlichen Malerei wie den Abstrakten Expressionismus in Amerika positiv zur Kenntnis nahm und besprach. Die zweite Hälfte der 60er Jahre war in Berlin für Künstler keine einfache Zeit. 1968 wurde Walter Womacka Rektor der Hochschule, die Doktrin des „Sozialistischen Realismus“ herrschte in der Kunstpolitik und offiziellen Szene allenthalben. Doch gab es daneben schon die damals noch jungen Väter einer neuen Ostberliner „Schule“, die, anknüpfend an Picasso, den italienischen „Realismo“ und die Berliner Nachkriegstradition eines Werner Heldt beispielsweise, das wirkliche Antlitz der Stadt, die tatsächliche Atmosphäre des Lebens darin zu malen suchten – eine Atmosphäre, die immer noch deutlich von den Nachwirkungen des Krieges gezeichnet war: „Realismus“ hieß für diese Maler, das im Leben der Stadt allgegenwärtige Schwelen der Vergangenheit, die unausweichliche Melancholie mit einzublenden. Der bedeutendste Stadtmaler Ostberlins in den 50er Jahren, Ernst Schroeder, lebte damals schon nicht mehr dort, wohl aber Harald Metzkes, Manfred Böttcher, Hans Vent, Lothar und Christa Böhme und, nicht zu vergessen, der Zeichner Dieter Goltzsche.

Nach einer so genannten „Schwarzen Periode“ entstand die zunächst für diese Gruppe, dann für die Ostberliner Malerei generell bezeichnende Farbkultur der Verhaltenheit und subtilen Differenzierung: Es ging um das stille Seherlebnis, den als wahr empfundenen Charakter der ins Bild gesetzten Form und Farbe.

Für Friedrich Wilhelm Fretwurst und Antje Fretwurst-Colberg wurde diese Haltung maßgebend und band sie ein in den progressiven Teil der Berliner Künstlerschaft. Zeitweise lebten sie vor allem von Grafik, die sie als Radierung hoch kultivierten: Berlin bot dafür lange einen dankbaren Markt. Von Anfang an hatte Antje Fretwurst-Colberg ihre eigenen Themen und besonderen, oft von einem auffälligen Detail her entwickelten Bildideen. Sie setzt sie bis heute auf eine Art um, die bei all ihrer professionellen Erfahrung den Eindruck versierten Gemacht-seins immer wieder erfolgreich umschifft zugunsten einer Bildsprache, die einfach bis zum Naiven daherkommt, reduziert auf das, was ihre Erlebnisart und -stärke am klarsten zur Ansicht bringt. Damit steht sie in der Tradition der klassischen Moderne: nicht nur des Expressionismus und seiner Wegbereiter, sondern auch ihm folgender Entwicklungen, wie man sie etwa vom frühen Bauhaus her kennt, der formstreng dinglichen, aber märchenhaft kostbaren Bildwelt Max Peiffer-Watenphuls und gelegentlich auch Johannes Ittens. Es geht weder um Realismus noch um Ausdruck allein, vielmehr um etwas dazwischen, um die sinnliche, auch mentale Qualität des Sehens in ihren zahllosen Bedingtheiten. Die Malerin hat immer interessiert, wie der Raum, in dem sie lebt, sich ihrer Person öffnet, welche Geschichte er zeigt, aber auch, welche stillen Schönheiten, welche Pracht. Ihre Seh-weise ist ohne Bitterkeit, ohne die sprichwörtliche Berliner „Tristesse“. Stattdessen konstatiert sie mit einer Art liebevoller Unbefangenheit vielfältige Zusammenhänge von Flächenformen, Linien und Valeurs, die reiches Leben anzeigen, ganz gleich, was die Sujets an Vorbedeutung zu vermitteln scheinen. Das meint besonders jene Arbeiten, die den Berliner Stadtraum zum Gegenstand haben und die in der Grafik manchmal ans Phantastische grenzen. So die Blätter ihrer Radierfolge zu Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“, wo die in den späten 70er Jahren aktuellen Schauplätze der Gegend um das Ostberliner Zentrum sich in solche des Romans verwandeln. Sie hat für diesen Zyklus nicht mehr „jungfräuliche“ Radierplatten mit Spuren einer fremden Vornutzung verwendet, die sie als vagen Stimmungs- und Geschichtshintergrund in ihre Bildformulierungen einflocht.

Ähnlich verfährt sie heute mit Relikten ihrer eigenen Vergangenheit: Eine Reihe übermalter Aquatinta-Radierungen lebt von der Umdeutung früherer Bildorganismen zum quasi verdeckten „Untergrund“ eines neuen, ganz und gar anderen. Mit solchen Arbeiten hält Antje Fretwurst-Colberg den Kontakt zu ihrem älteren Werk aufrecht, hält es als schöpferische Quelle für sich selbst lebendig.

Experimentelles Kombinieren verschiedener Techniken und Materialien liegt auch ihrer Hinterglasmalerei zugrunde: Hier kommen Malen, Radieren und Collagieren zusammen. Die Bildwelt ist die meistens in-time ihrer eigenen Wohnräume mit ihren zahlreichen Stillleben oder, vereinzelt, wiederum die eines Romans – doch erweist sich die Intimität dieser Sujets jetzt als Nährboden für entfesselte Sinnlichkeit. Der Bezug zur Volkskunst ist bewusst gesucht: Die Malerin beruft sich auf eine „Weltkultur der Glasmalerei“, aus der die Technik herkommt, aber auch jenes handwerklich-naive, andächtige und unbescholtene Künstlertum, dem sie sich so verbunden fühlt. Aus manchen ihrer Glasbilder springt eine geradezu wuchernde, exotische, ja festliche Fülle an Formen und betörenden Farben ins Auge, andere sind zurückhaltender, gebauter. Der ornamentale Reichtum lässt an Werke des Jugendstils denken, doch sind ihre Arbeiten ungebärdiger, nicht wirklich stilisiert, auch wenn sie malerisch in der Fläche bleiben. Visuell fügt sich alles zueinander wie ein kostbarer Teppich. Die Art, wie eine letztlich stets vorhandene kompositorische Ruhe mit erregender Farbe einhergeht, wie alles leicht gemacht ist, die Dinge sich selbstverständlich aus der Malerei herausschälen, erinnert an den großen Holländer Vermeer van Delft, den Meister der gemalten Alltags-Stille, die doch voll Spannung ist, voll gefühlter Aussicht auf etwas Unerhörtes. Diesem Drängen der Dinge aus der Tiefe ihrer Farben und Formen ist die klassische Moderne nachgegangen, Paula Modersohn-Becker und ihre Geistesverwandten Cézanne, Gauguin und Van Gogh. Alle brauchten sie das Land und die Großstadt, um künstlerisch zu wachsen und zum Ziel zu kommen. In ihrer Nähe zu bleiben, im Prinzip und mit dem Abstand der Zeit, ist der Weg, der die Kunst einer Heutigen wie Antje Fretwurst-Colberg immer noch trägt.

Katrin Arrieta

 


 

KATALOG „NEUE BILDER“, GALERIE ROSE (HAMBURG 2009)